Der tapfere Erbuǧ – Ein Tagebuch

Unser Sorgenkind Erbuǧ (gesprochen: Erbuuu – ist türkisch und bedeutet tapferer, starker und kräftiger Mann) kam am 24. Mai 2011, gemeinsam mit seiner Mutter, seinen sieben Geschwistern und seinem vermeintlichen Vater zu uns. Was in seiner Vergangenheit genau mit ihm passierte, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Die Haltung der Farbratten und anderer Tiere dort war furchtbar, sodass wir alle froh sind, diese nun in anderer Obhut zu sehen. Ein großes Dankeschön geht hier an die Tiernothilfe Schwalmstadt, die sich sehr für den Verbleib der Ratten engagiert hat.

Erbuǧ ist uns gestern Abend, endlich zuhause angekommen, dann doch tatsächlich erstmal ausgebüchst. Er schien eigentlich ziemlich angeschlagen, aber als dann die großen Menschenhände nach ihm griffen, mobilisierte er so enorme Kräfte, dass wir sichtlich überrumpelt reagierten und er wie von der Wespe gestochen unter unser kleines Eckregal lief. Danach war er aber durchaus kooperativ und für den restlichen Abend lag er erschöpft in seinem neuen Domizil. Erbuǧ macht Bubu. :) Das muss ein aufregender Tag für ihn gewesen sein.

25.05.2011 – Das erste Mal beim Tierarzt

Heute morgen habe ich ihn mir dann nochmal genauer angesehen und auch notdürftig die ersten Fotos geschossen. Richtig mager ist er und im Vergleich mit seinen Geschwistern weniger als die Hälfte. Unfassbar, dass er acht Wochen alt sein soll. Hätte er nicht diese riesigen Hinterpfötchen, könnte man ihn glatt für eine Farbmaus halten. Um ihn durchchecken zu lassen und das weitere Vorgehen wegen seiner abgestorbenen Schwanzspitze abzuklären, ging es am späten Nachmittag zu Frau Dr. Dunkhorst. Unsere erste Adresse seit Jahren. Letztendlich war klar, dass wir von einer Narkose absehen müssen. Der Schwanz bleibt vorerst dran, bis er kräftiger ist. Zudem bekommt er nun 2mal täglich Chloramphenicol, ein Antibiotikum.

Nach dem aufregenden Tierarztbesuch und noch mehr fremden Händen und Berührungen für Erbuǧ, war es dann an der Zeit ihm einen Namen zu suchen. Gesunde erwachsene Vermittlungstiere bekommen von mir eigentlich nie einen Namen, aber es hat sich derweil eingebürget, dass kleine Kümmerlinge wie er einer ist, unbedingt einen benötigen. Die Vorstellung schien für mich irgendwie schlimm, ein solches Sorgenkind namenlos verlieren zu können. Ein Name gibt mir gleich eine viel tiefere Bindung zum Tier und diese kann er jetzt so ganz alleine gut brauchen. Auch wenn ich niemals einen Artgenossen ersetzen kann und will, hoffe ich, irgendwann sein Vertrauen gewinnen zu können. So wurde schnell aus Kümmerling #? ein Erbuǧ, der tapfere, starke Mann. Hoffen wir, dass er seinem Namen alle Ehre machen wird.

Vorhin war die erste Medikamentenvergabe. Puh, bei so flutschigen flinken Babys bin ich sehr froh um zwei weitere Hände und Henrik machte seinen Job prima. Er hielt Erbuǧ in ein Handtuch gewickelt, sodass nur sein Schnäuzchen rausschaute. So putzig, dass ich direkt Mamagefühle entwickelte. Und selbst Henrik hat er erobern können. Chloramphenicol schmeckt den meisten Ratten zum Glück ganz gut. Wir mussten ihn also keineswegs austricksen oder irgendwas in ihn reinzwingen. Er nommte seine 0,2ml im Nu weg. – Gute Nacht, kleiner Erbuǧ.

27.05.2011 – Erbuǧ beim Videodreh

Der kleine Erbuǧ wird immer zutraulicher, was uns die Arbeit mit ihm enorm erleichtert. So ein kleines Wesen ist dann im Ernstfall schon sehr flutschig in den Händen. – Heute morgen hatten wir die spontane Idee ihn bei der Medizin-Vergabe zu filmen. Auf dem Video sind Werbeanzeigen durch YouTube geschaltet. Die Einnahmen dadurch kommen direkt unseren Notfellchen zu Gute. – Außerdem haben wir den kleinen Mann wieder gewogen. Sein Gewicht hat sich noch nicht wirklich geändert. 57 Gramm wiegt er gerade mal. Seine Brüder liegen beim Dreifachen.

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28.05.2011 – Erbuǧ nimmt zu und woanders ab

Jetzt hat er zwei Gramm mehr auf den Rippen, der kleine Mann. Ich bin ganz entzückt und freue mich schon auf das bald folgende all-abendliche Wiegen. Vielleicht ist ja noch was hinzu gekommen. Seinen Brei mampft er gut weg und mittlerweile traut er sich auch an richtiges Rattenfutter heran. Seine Fortschritte sind klasse und ich wünschte, ich könnte sie alle irgendwie auf Fotos festhalten. Auch wird er immer zutraulicher. Er schläft nach dem Schlabbern seiner Medizin ganz sanft im Handtuch ein, was ich mit meinen Händen umfasse. Stundenlang könnte ich ihn so halten und ihn einfach nur anschauen. Sobald ich ihn aber in die Hände nehme, um ihn in seine Behausung abzusetzen, zappelt er wieder wie wild, als ob ich ihn gleich auffressen wollen würde. Er weiss wohl nicht, dass er in einem veganen Haushalt gelandet ist. ;)

Heute morgen fehlte ihm ein Teil der abgestorbenen Schwanzspitze. Ich hatte gestern Abend schon gesehen, dass sie an einer Stelle irgendwie schmaler geworden war. Ob er da ein bisschen mit seinen Zähnchen geknabbert hat? Am Montag geht’s wieder zum Tierarzt und ich bin gespannt ob ihr Erbuǧ’s Fortschritt auffallen wird.

31.05.2011 – Da bekommt der kleine Erbuǧ plötzlich Post

Vorweg: Erbuǧ wird jeden Tag um einige Gramm schwerer. Wir sind alle froh, dass er nicht abbaut. Nachdem er vorgestern Abend noch 66 Gramm wog, sind es gestern Abend bereits 71 Gramm. – Zum Tierarzt geht es doch erst heute Nachmittag. Immer noch gespannt. :)

Etwas überrascht war ich, als ich im Briefkasten plötzlich Post für einen Herrn „Erbug“ vorfand. So heißt hier keiner, dachte ich und musste schmunzeln. Ganz gespannt hockte ich mich zum Herrn Erbuǧ, der wohl gemeint ist und half ihm seinen Brief zu öffnen. Reichlich überrascht und sehr erfreut fanden wir darin eine ganz liebe Karte und sogar eine Spende für Rattiges Nordhessen. Wir zwei sind unheimlich dankbar und Erbuǧ plant sogar schon einen Dankesbrief. Bestimmt muss ich ihm beim Schreiben helfen.

05.06.2011 – Erbuǧ hört nicht mehr auf zu wachsen

Jetzt sind schon wieder einige Tage vergangen. Erbuǧ wiegt mittlerweile sage und schreibe 90 Gramm. Es kommen jeden Tag ein paar hinzu. Der Tierarztcheck war ebenso positiv. Er entwickelt sich gut. – Heute hatte er zum ersten Mal auf riesigen Gebiet Auslauf. Aber er traute sich noch gar nicht von mir runter. Als ich die Waage hinzu holte, raste er freudig von meinem Kopf über meine Beine bis hin zur Waage und wieder zurück. Das Spiel ging eine ganze Weile so. Nichts konnte den Flitzer ermüden. Doch setzte er keine einzige Pfote auf den bösen bösen unbekannten Boden. :)

10.06.2011 – Erbuǧ bekommt Biberbesuch

Da Erbuǧ nun nicht mehr so pflegebedürftig ist, wie noch vor wenigen Tagen und da er natürlich nicht alleine bleiben darf, haben wir uns kurzerhand entschlossen einen seiner Brüder mit ihm zu vergesellschaften. In diesem Alter ist eine Vergesellschaftung meistens noch problemlos. Und nun sitze ich hier und beobachte die Beiden nebenbei seit einigen Stunden. Erbuǧ ist sichtlich interessiert an seinem Bruder, der wahrlich ungefähr doppelt so groß ist wie er. Und das obwohl Erbuǧ in den letzten Tag so aufgeholt hat. Wir haben seinen Bruder Biber getauft, das ist ebenfalls türkisch und bedeutet so viel wie „Paprika“. Uns gefällt der Name ganz gut, auch weil es zeitgleich ein deutsches Wort ist und irgendwie zu dem kleinen Mann passt, finden wir. Gerne hätte ich lieber einen der Creme-Brüder zu Erbuǧ getan, auch weil sich zwei ähnlich aussehende Tiere schlechter vermitteln lassen. Jedoch hocken die Creme-Brüder seit Beginn ständig zusammen und Biber schlief meistens allein, weshalb ich natürlich lieber nach Sympathien untereinander entschied. Es steht außerdem fest, dass beide Männlein (Erbuǧ und Biber) hier bei uns bleiben dürfen. :) Im Moment suchen aber noch Frau Mama, die vier Schwestern und die restlichen zwei Brüder dringend einen liebevollen Platz bei netten Keksgebern.

25.06.2011 – Der Schwanz schaut doch jut aus.

Nur mal ein kurzes Update. :) Erbuǧ’s Schwanzspitze sieht schon wieder ganz prima aus. Ist alles gut verheilt und muss wohl demnach auch nicht mehr operiert werden. Ich wollte sie euch mal eben zeigen. Das Bild ist komplett unscharf, aber die Schwanzspitze ist gut zu erkennen.

07.07.2011 – Die Brüder vereinen sich.

Die letzte Zeit war bei Rattiges Nordhessen ja eine ganze Menge los. Aus logistischen und logischen Gründen, habe ich eine damalige Entscheidung nun wieder rückgängig gemacht. Nein, keine Sorge. Der Erbuǧ und auch der Biber bleiben trotzallem hier. Aber sie wohnen jetzt wieder mit ihren beiden Creme-Brüdern zusammen, die zu Zweit in der Vermittlung stehen. Mir ist dieser Schritt nicht leicht gefallen, da es ja schon ein kleines Hin und Her war. Aber ich denke, so ist es im Moment am Besten. Die Creme-Brüder sind beide immer noch recht scheu und so erhoffe ich mir insgesamt bessere Chancen ein Vertrauensverhältnis zu den beiden aufzubauen. Vielleicht schauen sie sich von den anderen etwas ab. Und da sie alle noch recht jung sind, haben sie auch so mehr Spielgefährten. Die Schwestern und die Mutter der Vier sind ebenfalls noch ziemlich scheu und neben der Pflege der ganzen anderen Gruppen, der Babys und dem vielen Käfigeschrubben, war es also auch aus zeitlichen Gründen die richtige Entscheidung. Wer weiss wie lange die Creme-Brüder in der Vermittlung sein werden. Ihre Chancen als noch nicht menschenbezogene (trotzdem liebe) und auch noch sehr helle Ratten mit rötlichen Äuglein stehen leider relativ schlecht. Böckchen haben es ja sowieso schon mal schwerer. *seufz*

Im Moment nehmen mir die Creme-Brüder bereits reichlich Leckereien aus den Pfot… äh Händen. Aber das Hochnehmen ist ein absolutes „Nein-niemals-nicht!“. Ich musste es natürlich schon ein paar mal machen, weshalb ich bis jetzt behaupten kann, dass sie mich nicht beißen und bisher auch keine Anstalten machen dies zutun. Trotzdem schreien sie wie am Spieß. Ich werde jedesmal schockartig daran erinnert, was die Jungs furchtbares erlebten in den ersten Wochen ihres Lebens.

Mit Erbuǧ und Biber verstehen sie sich sehr gut. Der Erbuǧ ist zudem ja auch ein ganzes Stück gewachsen, wenngleich immer noch kleiner als der Rest. Im Spiel hat er manchmal tatsächlich die Oberhand. – Schön anzusehen ist auch die Zeit, wenn die vier Brüder ihren Auslauf genießen. Die Creme-Brüder (diese Skeptiker) verkrümeln sich schnell und blinzeln nur selten heimlich um die Ecke um zu schauen was der große blöde Mensch da so macht. Biber hingegen ist zwar auch noch nicht ganz von mir überzeugt, jedoch nimmt er immer mal wieder Kontakt auf. Er ist einfach zu neugierig. Erbuǧ hingegen sieht mich als seine persönliche Burg an. Generell liebt er es auf mir herumzuklettern und zu turnen. Lange Haare sind ein Muss, da lässt es sich so schön reinkuscheln und graben. Ihm sitzt der Schrecken allerdings auch noch im Rücken. Sowie etwas ungewöhnlich ist oder ein lauteres Geräusch ertönt, ergreift er die Flucht wo auch immer er gerade ist, und rettet sich auf seine sichere Burg. Ich. Das Gefühl dabei ist so schön. Freut mich, dass er mir stets mehr Vertrauen schenkt.

Ich habe kürzlich im Auslauf und im Käfig auch ein paar Fotos geschossen. In diese Röhre haben sich tatsächlich alle vier Brüder gequetscht. Und musste das einfach festhalten. :)

 

24.09.2012 – Viel zu früh…

Erbuǧ lebte die ganzen letzten Monate mit seinen drei Brüdern zusammen. Die Creme-Brüder bekamen derweil Namen. Otis und Pete. Namen bedeuten in der Regel bei uns, dass die Tiere bleiben dürfen. Wir entschieden uns für den Schritt sie aus der Vermittlung zu nehmen, weil sich all die Monate Niemand für sie interessierte. Wir wussten von Anfang an, dass die Vermittlungschancen von hellen männlichen Ratten mit roten Augen schlecht sein würden. Besonders wenn diese nicht mal gut händelbar sind, da sie leider bis heute nicht richtig handzahm wurden. Biber lässt sich mittlerweile problemlos hochnehmen, wenn es sein muss. Otis und Pete hingegen bekommen immer noch Panik. Hände sind ein Tabu. Erbuǧ ließ Hände zu, wenngleich er auch manchmal strampelte. Die Brüder waren nie das harmonischste Rudel, aber nachdem die pubertäre Phase vorbei ging, rauften sie sich gut zusammen und verschmolzen zu einer Einheit. Eine Einheit von Raufbolden zwar.
Die Brüder sind Ende April 2011 geboren. Und Erbuǧ war gestern leider der Erste der ging. Ich kann gar nicht beschreiben wie traurig ich darüber bin. Er hatte keinerlei Krankheitsanzeichen. Noch vorgestern tastete ich ihn überall ab und auch sein Verhalten änderte sich nicht grundlegend. Gestern früh hatte er nach einem Schläfchen eine rötliche Nase. Das ist nicht unüblich bei den Chaos-Brüdern. Denn Fellpflege und Co sind bei dem Gespann nie an erster Stelle gewesen. Und das Sekret aus den Haderschen Drüsen war über die Monate hinweg so manches Mal ein bisschen rot eingefärbt bei ihm. Er blieb der kleinste Ratterich in der Truppe und auch an niederster Stelle im Rudel. Nach 1 1/2 Jahren…
Ich sagte mir noch, dass ich ihn ein oder zwei Tage genauer beobachten würde, eben wegen des Sekrets und weil er mir anhänglicher erschien als gewohnt. Die Entscheidung ob Tierarzt oder nicht, nahm er mir aber noch am selben Tag gegen Abend. Als ich meine Fütterungstour beendete und bei den Brüdern saß, lag Erbuǧ alleine in einem Sputnik. Augen halb geöffnet. Ich rief ihn, weil ich mich wunderte, weshalb er nicht zum Futtern kommen wollte. Und da wurde mir auch schon klar, dass er sich nicht mehr bewegte. Sein Körper war bereits kalt, aber noch nicht starr.
Nun, ich bin erleichtert, dass er gegangen ist ohne noch den stressigen Weg zum Tierarzt gemacht zu haben und ohne dort eingeschläfert werden zu müssen. Offensichtlich wirkte es so, als ob er nicht gelitten und einfach weggeschlummert wäre. Es ist der gnädigste Rattentod. Im Rudel. Aber er ging einfach zu früh. Viel zu früh. Jetzt wo ich hier sitze und tippe, kommen mir all die schönen Erinnerungen mit ihm hoch. Und auch die Zeit wo wir ihn damals zu uns nahmen und ihn pflegten. Wie winzig er da war. Was für ein kleiner armer Tropf. Und wie große er trotzallem werden durfte. Er hatte sogar eine liebe Menschenfrau als Brieffreundin, so sehr wurde er gemocht. Wir fühlen uns ganz leer ohne ihn. Und ich hoffe so sehr, dass er jetzt bei all den vorangegangenen Fellnasen hockt und mit ihnen leckere Kekse nascht. Dass es ihm gut geht, da wo seine Seele auch nun immer sein mag.

Wir werden dich und deine Geschichte nie vergessen, tapferer Erbuǧ. 

Picture by http://kornkidsam.deviantart.com